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Das Leben einer „stillen Heldin“. NO-Schüler treffen eine Zeitzeugin der NS-Zeit. Ihre Mutter rettete eine Jüdin vor den Nazis.

Von Henning Thobaben
Braunschweig. Mehr als 70 Jahre dauerte es, bis Barbara Martin nach Braunschweig zurückkehrte. Hier wurde sie 1940 geboren. Und hier wurde ihre Mutter Karin in der NS-Zeit zu einer „stillen Heldin“, indem sie mindestens einer Jüdin das Leben rettete (siehe Faktenbox). Weil mit Christian Gnegel und Jan-Niklas Homeier zwei Gymnasiasten der Neuen Oberschule ihre Familiengeschichte im Zuge eines Projekts aufarbeiteten, kam die 77-Jährige zum Zeitzeugengespräch in die Gedenkstätte Schillstraße. Eigentlich verspüre sie keine Verbindung zu Braunschweig, gesteht die heute in Lüdinghausen bei Münster lebende Seniorin. Damals, als ihre Mutter zur Lebensretterin wurde, war sie gerade drei Jahre alt. An die Jüdin Marianne Strauß, die ihre Mutter in ihrer Wohnung versteckte, kann sie sich nicht erinnern. Nur noch an
eine Besonderheit in ihrer Wohnung. „Wenn wir in das Zimmer meiner Mutter wollten, mussten wir vorher anklopfen“, erzählt sie. Mit „wir“ meint sie sich und ihre ältere Schwester Ruth. Diese lebt mittlerweile seit Jahren in der Schweiz und konnte nicht nach Braunschweig kommen. Über die Kindheitserlebnisse habe sie mit ihrer Schwester viel gesprochen. Allerdings nicht mit ihren 

Eltern. „Da wurde uns nie viel erzählt“,
sagt Barbara Martin. Schon zu Kriegszeiten waren die Schutzaktionen reine Elternsache. Zu groß war die Gefahr, dass sich die Kinder verplapperten. Zumal die Eltern sogar mindestens noch einem weiteren Juden Unterschlupf gewährt haben sollen. Von den Heldentaten ihrer Mutter erfuhren Barbara Martin und ihre Schwester erst durch den britischen Historiker Mark Roseman, der 2002 eine Biografie von Marianne Strauß veröffentlichte.
Als die Gedenkstätte Schillstraße im vergangenen Herbst eine Ausstellung über Fluchtorte jüdischer Verfolgter veranstaltete, entstand die Idee für das Schülerprojekt. „An so einem konkreten Beispiel zu arbeiten, war schon sehr interessant“, sagt Christian Gnegel. „Man hat vor Augen geführt bekommen, dass Verfolgung auch in Braunschweig geschehen ist“, meint Jan-Niklas Homeier. Beide fassten ihre  Seminararbeiten in Gegenwart von Barbara Martin und Mitschülern aus ihrem Geschichts-Leistungskurs zusammen. Zuvor hatten sie Telefoninterviews mit den Schwestern geführt. „Beide Schüler waren sehr
motiviert. Ich bin mit dem Projekt sehr zufrieden“, sagt Gerald Hartwig von der Gedenkstätte. 

Karin Morgenstern versteckte ab Oktober 1943 die Jüdin Marianne Strauß für einige Monate in
ihrer Wohnung in der Schölkestraße in Lehndorf. Damit schützte sie die damals 20-jährige Jüdin vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten.

Organisiert wurden solche Schutzaktionen in der NS-Zeit vom „Bund – Gemeinschaft für sozialistisches Leben“. Die Organisation unterstützte Jüdinnen und Juden bei der Suche nach Verstecken oder auf der Flucht.
Karin Morgenstern und ihr Mann Karl, der 1940 zur Wehrmacht eingezogen worden war, gehörten
dem Bund als Mitglieder an.

Familie Morgenstern verließ Braunschweig im März 1944 und zog nach Meersburg am Bodensee. Karin Morgenstern verstarb 1995, ihr Mann Karl 1999. Marianne Strauß kam in der Folge noch bei weiteren Bundmitgliedern in anderen Städten unter. Ihre Eltern und ihr Bruder wurden in Auschwitz getötet. Sie verstarb 1996 in Großbritannien.

Quelle: Braunschweiger Zeitung vom 10. August 2017.